Emmanuel Levinas

Photo: Bracha L. Ettinger
Praktische Philosophie
Während in vielen klassischen Systementwürfen die Erkenntnistheorie und Metaphysik eine Grundlage bilden – bezeichnet als Erste Philosophie – ersetzt Levinas deren Rolle durch die Analyse einer grundlegenden Verpflichtetheit: Sie differenziert sich zu einer Ethik aus; subjekttheoretische Voraussetzungen sind dieser gegenüber sekundär.
Traditionelle Entwürfe ethischer Theorien werden von Levinas kritisiert. Nach seiner Ansicht werden Personen als metaphysische Gegenstände behandelt, deren Wert – ausgehend von einer Reflexion auf die Natur eines Subjekts – bestimmt wird. Das Subjekt hat dabei den Status einer substantiellen anthropologischen Universalie. In diesem Sinne kritisiert Levinas humanistische Ansätze, weil sie nicht human genug seien. Für die von ihm kritisierten Ansätze typisch ist nämlich die Zentralstellung des Ichs als eines Subjekts, das ethische Urteile fällen, moralische Wahrheiten und Werte fassen und bestimmen kann. Das menschliche Subjekt ist entsprechend dieser Vorstellungen sodann ein Maßstab des Angemessenen und des Unangemessenen, des Gerechten und des Ungerechten.
Diese Zentralstellung ersetzt Levinas durch eine vorausliegende Verpflichtung durch den unbedingten Anspruch eines Individuums. Er spricht meist von dem Anderen. Diese Forderung ist unendlich in dem Sinne, dass ein konkretes Ich als endliches Subjekt (mit beschränkten Möglichkeiten und insbesondere beschränkter Zeit) ihr unmöglich gerecht werden kann. Es gibt für Levinas also prinzipiell nicht die Möglichkeit, sich einer Einlösung dieses Anspruchs überhaupt anzunähern, welcher die praktische Notwendigkeit gegenübersteht, diesem unterworfen zu sein.
In dieser unbedingten Inanspruchnahme ist der ihr Unterworfene unvertretbar. Erst daraus resultiert ein Subjekt, das sich zu sich selbst (und seinem Verpflichtetsein) verhalten kann. Levinas veranschaulicht dies durch eine fiktive Etymologie des Ausdrucks „Subjekt“ als (lateinisch) sub-iactum, also unterworfen (unter den Anspruch des Anderen). Im Unterschied zu dieser unbedingten Inpflichtnahme sind alle ethischen Abwägungen sekundär. Abwägungsfragen treten erst dann und insofern auf, als ein Subjekt nicht nur „dem Anderen“, sondern mindestens zwei Personen gegenüber verpflichtet ist. Hier haben für Levinas traditionelle ethische Theorieansätze ihren berechtigten Ort. Die phänomonologische Fundamentalethik, wie Levinas sie entwickelt, hat dagegen einen vorausliegenden Status, er spricht daher von einer Proto-Ethik.
In einer derartigen Umkehr der Ordnung zwischen dem „Subjekt“ und dem "Anderen" ist letzterer – darum die Wortwahl „der Andere“ – in seinem Wesen und seiner Würde uneinholbar. Der Andere ist absolut anders, nicht bloß ein anderer Fall dessen, was ich auch bin, kein bloß relativ anderes Ich und nicht auf seine Erscheinung als ein bestimmter Anderer zu reduzieren.
Man hat Levinas´ Philosophie hin und wieder, u.a. in Anlehnung an Martin Buber, als „Philosophie der Begegnung“ charakterisiert. Diese Charakterisierung ist unzutreffend, insofern Levinas sich dezidiert gegen eine dialogische Beziehung zwischen Ich und Du ausspricht, welche sich auf gleichen Ebenen abspielen müsste. Statt dessen spricht Levinas von einer uneinholbaren, sich durch jeden Vermittlungsversuch letztlich ausweitenden Asymmetrie zum Anderen. Gegenüber traditionellen phänomenologischen Theorieansätzen betont Levinas, dass die vorphilosophische Verpflichtetheit grundlegend für das Welt- und Selbstverhältnis des Menschen ist. Seine Kritik richtet sich gegen zahlreiche Varianten traditioneller Subjekttheorien und praktisch die gesamte Tradition der Ontologie. Auf der Ontologie bzw. Metaphysik fußt nach seiner Ansicht die gesamte klassisch-abendländische Philosophie, auf einem erkenntnistheoretischen oder ethischen Primat des Subjekts fast die gesamte moderne Philosophie. Auch Theorieansätze, welche den Anderen zum Fall eines „Alter Ego“ machen, fallen bei Levinas unter Vorbehalte, darunter die meisten sozialwissenschaftlichen Ansätze (hier könnte man etwa an die Sozialphänomenologie von Alfred Schütz oder den Symbolischen Interaktionismus denken).